Der im ersten Band vereinigte Briefwechsel der Mainzer und der Pariser Jahre umfasst 365 Stücke, von denen zuvor nur ein Drittel veröffentlicht worden war. Leibniz’ Plan einer deutschen Sozietät der Wissenschaften (N. 25) tritt uns schon 1670 mit erstaunlicher Vollendung entgegen, und auch andere wichtige Themen des Leibnizschen Lebenswerkes klingen programmatisch an: die ökonomisch-technische Interessengemeinschaft mit Johann Daniel Crafft (N. 142 ff.); das Consilium Aegyptiacum; weitere erste Versuche auf internationalem politischen Parkett; Leibniz’ Suche nach einem „großen Herren“, dem er als Berater dienen könnte; schließlich wichtige Kontakte in Paris, wobei die philosophischen und mathematischen Schwerpunkte der zeitgleichen und späteren Schriften kurz aufleuchten. Die Berufung nach Hannover schließt diesen Band harmonisch ab.
Von den 554 Stücken des Bandes stammen 163 von Leibniz, der in den ersten drei hannoverschen Jahren (bis zum Tode des Herzogs Johann Friedrich) als „außerplanmäßiger“ Hofrat nach einer angesehenen Stellung strebte. Zwar gelangte er als Bibliothekar nicht ans Ziel seiner Wünsche, zahlreiche Projekte für die Verbesserung der Staatsverwaltung werden nicht verwirklicht, und bei seinen Versuchen im Harzbergbau muß er gegen den zähen Widerstand der Leute vom Fach ankämpfen, doch im ganzen sind es drei arbeitsreiche glückliche Jahre für Leibniz. Denkschriften bekunden universale Interessen, z. B. für eine Gesellschaft der Wissenschaften und für eine allgemeine Sprache und Charakteristik als Hilfsmittel der wissenschaftlichen Forschung. Der anschwellende Briefwechsel vor allem mit französischen Gelehrten wird in diesem Band nur zum geringeren Teil erfaßt, da philosophische und mathematische Themen in dieser Zeit überwiegen und die entsprechenden Briefe den anderen Reihen vorbehalten bleiben. Daß Leibniz’ Ehrgeiz weit über die Grenzen eines kleinen deutschen Fürstentums hinauszielt, zeigen seine – vergeblich gebliebenen – Bemühungen, als Bearbeiter eines verbesserten Reichsgesetzbuches (Codex Leopoldinus) in den Dienst des Kaisers zu treten.
Von den 568 Stücken dieses Bandes stammen 194 von Leibniz. Wiederum war nur ein Drittel bekannt.
Zu den bisherigen Themen tritt jetzt in größerem Umfange der kirchenpolitische Briefwechsel mit dem Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels. Leibniz’ Stellung am hannoverschen Hofe ist unter dem neuen Herzog, Ernst August, unsicherer geworden, zumal die technischen Versuche im Harz den fürstlichen Auftraggeber enttäuschen und nochmals vorgebrachte Pläne für Verbesserungen in der Staatsverwaltung nicht den erhofften Widerhall finden. Die Mittel zur Anschaffung von Büchern werden drastisch gekürzt. Eine Möglichkeit, 1681 in diplomatischer Mission an einer Reichsversammlung in Frankfurt am Main teilzunehmen, läßt Leibniz ungenützt vorübergehen.
Im Briefwechsel mit Gelehrten erscheinen genealogische Themen, Vorboten für einen entscheidenden Wechsel in der Existenzgrundlage. Der Briefwechsel mit Otto Mencke (Leipzig), dem Herausgeber der Acta Eruditorum, führt zu langjähriger enger Zusammenarbeit. Auch Veit Ludwig von Seckendorff erscheint nun unter den Korrespondenten. Gleichzeitig bemüht sich Leibniz – abermals vergeblich – um eine ehrenvolle Berufung an den Wiener Hof, und zwar als Reichshofrat.
In diesem Band steht die Korrespondenz mit Herzog Ernst August und seinen Beamten im Vordergrund, ihr Hauptthema ist der Harzbergbau. Daneben finden sich auch interessante politische Denkschriften, z. B. zur Errichtung eines neunten Kurfürstentums. Gegenüber dem vorhergehenden Band hat sich der kirchenpolitische Briefwechsel mehr als verdoppelt, während die Korrespondenz mit Gelehrten merklich vermindert ist. Das Scheitern der Versuche im Harz veranlaßt Leibniz 1685, das Angebot einer Anstellung als Historiograph des Welfenhauses zu akzeptieren. Entsprechend wird der Briefwechsel mit Historikern intensiviert.
Der Prioritätsstreit um die Entdeckung der Infinitesimalrechnung beginnt mit höflicher Abgrenzung gegen Ansprüche, die Ehrenfried Walther von Tschirnhaus geltend gemacht hat (N. 392), Newton wird noch nicht als der gefährlichere Rivale erkannt. Leibniz’ Briefwechsel mit führenden Gelehrten Europas läßt ihn die geistige Enge seines Milieus schmerzlich empfinden.
Dieser Band dokumentiert Leibniz’ große Forschungsreise nach Hessen, Bayern, Böhmen, Österreich und Italien. Er berichtet seinen Auftraggebern in Hannover und seinen Freunden über die wichtigsten Begebenheiten der Reise (unter anderem am Hof in Wien) und über die Erfolge seiner historisch-genealogischen Forschungen. Der aus den Quellen erbrachte Nachweis der Verwandtschaft zwischen den Welfen und den Este gibt ihm Anlaß, erste Verhandlungen über mögliche neue Heiratsverbindungen zwischen den beiden Häusern zu führen. Die wahre Befriedigung findet Leibniz allerdings nicht im Entdecken und Durchforschen alter Geschichtsquellen, sondern in der Begegnung mit Menschen, deren Achtung und Freundschaft er gewinnt. Wichtig ist die Reise daher vor allem für Leibniz’ Selbstbewußtsein, für das Gefühl seines wissenschaftlichen Ranges geworden. Auf den Hauptstationen seiner Italienreise erhält er Zugang zu wissenschaftlichen Zirkeln und lernt namhafte Gelehrte kennen, mit denen er auch nach seiner Rückkehr in brieflicher Verbindung bleibt.
Mit diesem Band wurde eine neue Textdarbietung in den Bänden eingeführt. Die Überlieferungsgeschichte, Erläuterungen und – falls erforderlich – ein Variantenapparat sind den betreffenden Stücken beigegeben. Außer dem Personenverzeichnis vervollständigen nun zusätzlich ein Korrespondenten-, Schriften- und Sachverzeichnis den Registerteil der Bände.
In den Jahren nach der Italienreise schwillt Leibniz’ Korrespondenz stark an. Die in Wien und Italien geschlossenen Bekanntschaften, die jetzt beginnenden historischen Forschungen und die erneut einsetzenden kirchenpolitischen Verhandlungen zur Reunion veranlassen ihn, neue Beziehungen anzuknüpfen und alte auszubauen. In dem Verwalter der Konversionskasse, dem Konvertiten Paul Pellisson-Fontanier, findet Leibniz einen aufgeschlossenen und vielseitig interessierten Korrespondenzpartner. Durch ihn und ihm nahestehende Personen hofft er, Frankreich für die ihm zugedachte Rolle eines Vermittlers in den großen religiösen Auseinandersetzungen zwischen Rom und den Protestanten gewinnen zu können.
Der Briefwechsel über historische Themen erweitert sich um erdgeschichtliche Fragen der Welfenlande, die Leibniz später in der Protogaea im einzelnen untersucht. Das folgenreichste biographische Ereignis im Berichtszeitraum ist Leibniz’ Ernennung zum Leiter der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel. Die Berichterstattung der Mitarbeiter während seiner Abwesenheit vermittelt Einblicke in Einzelheiten von Leibniz’ Arbeit und Leben.
Die beherrschenden Themen der Korrespondenz mit dem Haus Braunschweig-Lüneburg sind in dieser Zeit die Bemühungen um die Neunte Kur und die Ansprüche Herzog Ernst Augusts auf das Herzogtum Sachsen-Lauenburg. In die Diskussion um die Wiedervereinigung der Kirchen greifen der einflußreiche Führer der französischen Kirche, Jacques-Bénigne Bossuet, Bischof von Meaux, und der Theologieprofessor Edme Pirot ein. Der Briefwechsel spitzt sich zu auf die Frage nach der Verbindlichkeit von Konzilsbeschlüssen und Möglichkeiten ihrer Revozierung. Im Zusammenhang mit den historischen Forschungen für den zweiten Teil der Welfengeschichte (Migrationes gentium) wendet sich Leibniz’ Aufmerksamkeit in verstärktem Maße der Geschichte der Sprache als einem wichtigen Dokument für die Vorgeschichte der Menschheit zu.
Im Jahre 1692 wurde der hannoverischen Linie des Welfenhauses vom Kaiser zwar die Kurwürde zuerkannt, die Aufnahme in das Kurkollegium erforderte jedoch noch langwierige Verhandlungen und große Anstrengungen. Hierbei fällt Leibniz die Aufgabe zu, die Bemühungen der Diplomaten durch Gutachten über schwierige staatsrechtliche Probleme und durch politische Denkschriften zu unterstützen. Neben diesen Arbeiten verfaßt er in dieser Zeit mehrere Übersichten über die geplante Welfengeschichte. Durch die Vermittlung Pellisson-Fontaniers tritt Leibniz in Verbindung mit der Académie des sciences und legte diesem Gremium einen vielbeachteten Entwurf seiner „Dynamica“ zur Begutachtung vor.
Beeinträchtigt wird der Briefwechsel dadurch, daß Alterskrankheit und der Verlauf des Krieges am Rhein den Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels zwingen, seine Berichterstattung abzubrechen. Mit dem gebildeten und feinsinnigen Fürsten unterhielt Leibniz über viele Jahre eine umfangreiche Korrespondenz, ihm konnte er seine geheimsten Wünsche anvertrauen.
Während der Leibniz-Briefwechsel aus den Jahren 1678 bis 1687 über den Bergbau im Harz bereits in den Bänden 2 bis 4 der Ersten Reihe veröffentlicht wurde, vereint der Sonderband all jene Korrespondenzen der Jahre 1692 bis 1696, die im Zusammenhang mit Leibniz’ erneuten bergwerkstechnischen Experimenten im Harz stehen. Im Briefwechsel mit der Kammer in Hannover, mit dem Bergamt in Clausthal und mit seinen Gehilfen lernen wir Leibniz als Erfinder und technischen Konstrukteur kennen, der sich mit der Verbesserung der Entwässerungs- und Förderungsanlagen, mit einem effektiveren Hüttenbetrieb und einer rationelleren Wasserwirtschaft befaßt. Darüber hinaus eröffnet der Band interessante Einblicke sowohl in die damalige Bergwerksverwaltung als auch in den Bergwerksbetrieb mit seinen wirtschaftlichen, technischen und sozialen Problemen.
Dieser Band enthält die wichtigsten Wechselschriften zwischen Leibniz und dem Bischof Bossuet zum Thema der ökumenischen Gültigkeit des Trienter Konzils, das zum Kernpunkt des Reunion-Briefwechsels mit den französischen Partnern geworden ist. Die Verhärtung der Positionen zeichnet sich ab, aber Leibniz versucht hartnäckig, den Dialog nicht abreißen zu lassen, arbeitet auch zusammen mit dem Loccumer Abt Molanus eine weitere Abhandlung über den einzuschlagenden Weg für die Wiedervereinigung aus. Im politischen Bereich wird er für die Rechtfertigung der hannoverschen Kurwürde und der Ansprüche auf Sachsen-Lauenburg eingespannt. Während Leibniz stolz den ersten Band seines Codex juris gentium diplomaticus vorlegt, bittet er die Briefpartner um Mithilfe bei der Materialsammlung für die beabsichtigten Folgebände.
Die Korrespondenz dokumentiert Leibniz’ steigendes Interesse an sprachhistorischer Forschung, aber auch seine Weiterbeschäftigung mit dem Kraft- und Substanzbegriff.
Leibniz’ zeitgeschichtliches Engagement offenbart sich in seinen reichspolitischen Sorgen angesichts der ungünstigen Entwicklung des Pfälzischen Krieges und bedenklicher Bedingungen, die sich in französischen Friedensvorschlägen finden; auch ein republikanisches Manifest und antitrinitarische Flugschriften aus England werden Gegenstand seiner Kritik. Während die Reunionsverhandlungen mit den französischen Partnern ins Stocken kommen, wird der Meinungsaustausch mit dem Bischof von Wiener Neustadt, Rojas y Spinola, intensiver. Der urgeschichtliche Vorspann zur braunschweiglüneburgischen Geschichte, die Protogaea, wird fertiggestellt. Leibniz muss sich selbst um den schwierigen Vertrieb seines völkerrechtlichen Codex juris gentium diplomaticus kümmern. Fragwürdige Hypothesen über die Etymologie des Germanen-Namens bringen ihn zur Erklärung seiner eigenen Thesen. Bösartig-simplifizierende Satiren rufen eine Rezension hervor, in der Leibniz Maßstäbe für politische Satiren aufstellt. Auch eine eigene politische Satire mit dem Motto „Fas est ab hoste doceri“ wird verschickt.
In biographischer Hinsicht ist die Korrespondenz dieses Bandes besonders aufschlußreich, weil Leibniz anläßlich eines seit längerer Zeit beobachteten Unwohlseins zahlreiche Einzelheiten seiner privaten und dienstlichen Lebensgewohnheiten mitteilt. Augenfällig ist Leibniz’ Mitwirkung bei der Besetzung von Stellen an der Landesuniversität Helmstedt und am Pädagogium in Göttingen. Ein wichtiges Thema der gelehrten Korrespondenz ist die Veröffentlichung historischer Quellen zur Geschichte des Welfenhauses. Der kirchenpolitische Briefwechsel findet ein vorläufiges Ende, da der deutsche Partner, der Bischof von Wiener Neustadt, Cristobal de Rojas y Spinola, stirbt und die Diskussion mit den französischen Teilnehmern – nur Marie de Brinon ist vertreten – zu unüberbrückbaren Gegensätzen geführt hat.
Im Zeitraum dieses Bandes wendet sich Leibniz verstärkt Sprachforschungen und seinen Bemühungen zu, historische Quellen und Dokumente, unter anderem für die Accessiones historicae und einen zweiten Band des Codex juris gentium diplomaticus, zu erhalten. Breiten Raum nehmen Versuche ein, den von niederländischen Verlegern beabsichtigen Nachdruck seines Codex zu verhindern, in die er bekannte Gelehrte und hohe Diplomaten Hannovers, Wolfenbüttels, Bayerns und Brandenburgs einbezieht, um durch die Autorität ihrer Fürsten ein Schutzprivileg vom niederländischen Ratspensionarius zu erhalten. Als Bestätigung seiner genealogischen Forschung und seiner in Italien eingeleiteten Bemühungen, die verwandten Häuser der Este und Welfen symbolisch wieder zusammenzuführen, konnte er die Heirat zwischen Rinaldo III. von Este-Modena und Charlotte Felicitas, der Tochter Herzog Johann Friedrichs von Hannover, im November 1695 betrachten, die er in seiner Lettre sur la Connexion des Maisons de Brunsvic et d’Este (1695) feierte. Er veröffentlicht sein Specimen historiae arcanae und verfaßt eine an die medizinische Societas Leopoldina gerichtete Schrift über die Heilwirkung der Ipecacuanha-Wurzel bei Dysenterie, Relatio ... De Novo Antidysenterico americano (1696).
Leibniz, der nun fünfzig Jahre alt geworden ist und ein Tagebuch zu führen beginnt, liefert uns in einigen großen Briefen und Denkschriften Darstellungen seiner wissenschaftlichen und kulturfördernden Arbeiten und Überlegungen. Der Aufenthalt van Helmonts in Hannover führt zu philosophischen Briefgesprächen mit der Kurfürstin Sophie und ihrer Nichte Elisabeth Charlotte von Orléans. Die Binär-Mathematik in ihrer Ausdeutungsmöglichkeit als Analogie zum christlichen Schöpfungsglauben beschäftigt Leibniz in seinem Neujahrsbrief an den Herzog Rudolf August und seinem letzten Brief an den China-Missionar Grimaldi. Historisch-politische und juristische Ausarbeitungen nehmen in der Vorphase des europäischen Friedensschlusses vor allem zur Sicherung der hannoverschen Anwartschaft auf den englischen Thron und zur Anerkennung der Neunten Kur Stellung. Von Wien aus erkundet der Nachfolger des Bischofs von Wiener Neustadt Möglichkeiten, die Reunionsverhandlungen wieder aufzunehmen. Unvermindert intensiv bleiben die historischen Forschungen und die Vorbereitung von Quellenpublikationen. Für sprachgeschichtliche Studien findet er in dem Schweden Sparwenfeld einen Gesprächspartner, der ihm von seiner Reise durch Europa und Nordafrika auf den Spuren der Goten berichtet.
Das Ende des Pfälzischen Krieges hat dem Deutschen Reich und besonders den Protestanten große Zugeständnisse abverlangt, weshalb Leibniz beginnt, auf eine Stärkung des europäischen Protestantismus hinzuwirken und Wege vorzubereiten, die zur Union zwischen den Lutheranern und Reformierten führen könnten. Ein Gedankenaustausch zwischen den Theologen der Landesuniversität Helmstedt und des Berliner Hofes wird eingeleitet. Angesichts der Krankheit des hannoverschen Kurfürsten, bei dessen Ableben das Fürstentum Osnabrück an einen katholischen Regenten fallen wird, entwirft Leibniz Denkschriften zur Absicherung der zukünftigen braunschweig-lüneburgischen Rechte an Osnabrück. Politische Hoffnungen gründen sich auf den Erwerb der polnischen Krone durch August den Starken; vor allem aber ist es die Reise Peters des Großen durch Westeuropa, die die Aufmerksamkeit Leibnizens und seiner Briefpartner fesselt. Er ist bemüht, Kontakte zu Mitgliedern der russischen Gesandtschaft anzuknüpfen. Hinzu kommt die Korrespondenz mit dem Jesuiten J. Bouvet, der sich Leibniz vor seiner Abreise nach China als Kundschafter anbietet und für den Leibniz in seinem Korrespondentenkreis Fragen aus den verschiedensten Wissensgebieten zusammenträgt. Auch die Debatte um den Quietismus, die zwischen Fénelon und Bossuet ausgetragen wird, spiegelt sich in Leibnizens Korrespondenz wider, wobei es ihm besonders um die Definition der „reinen“ interesselosen Liebe geht.
Nach dem Tod des Kurfürsten Ernst August, dessen Lebensbeschreibung Leibniz verfaßt, übernimmt sein Sohn Georg Ludwig die Regierung in Hannover. Wiener Intriguen gegen die geplante Heirat der hannoverschen Prinzessin Wilhelmine Amalie mit dem kaiserlichen Thronfolger wehrt Leibniz erfolgreich durch ein genealogisches Gutachten ab und unterstützt damit die Pläne, durch diese verwandtschaftliche Beziehung die Anerkennung der hannoverschen Kurwürde voranzubringen. Der spanische Erbfolgekrieg wirft seine Schatten in Leibniz' Korrespondenz voraus.
Die innerprotestantischen Unionsgespräche unter Einbeziehung Englands sowie die Bemühungen um eine Reunion mit den Katholiken werden fortgesetzt. Auf Leibniz' Betreiben beschließt die theologische Fakultät Helmstedt die Anerkennung des päpstlichen Primats jure divino.
Unter den sprachwissenschaftlichen Themen ist der Erhalt von Vaterunsern in permischer, wogulischer und samojedischer Sprache hervorzuheben. Der Plan, ein Observatorium in Berlin zu errichten, gibt Anlaß für den Beginn der Korrespondenz mit Hofprediger Jablonski.
Die 475 Briefe von und an Leibniz im Zeitraum Oktober 1698 bis April 1699 (198 von Leibniz geschriebene, 275 an ihn gerichtete Briefe und zwei Drittstücke) dokumentieren das breite Spektrum der wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten und Interessen des Universalgelehrten.
Den größten Raum nimmt die Korrespondenz zur Kirchenvereinigung ein, die Leibniz (zusammen mit G. W. Molanus) von lutherischer Seite sowohl mit der katholischen Kirche (Bossuet und Buchhaim) als auch mit den Brandenburger Reformierten (D. E. Jablonski) voranzutreiben sucht. Daneben ist Leibniz mit der Herausgabe eines Gedenkbandes für den verstorbenen ersten hannoverschen Kurfürsten beschäftigt, führt seine Forschungen zur Welfengeschichte fort, ist als Gutachter zu rechtshistorischen Fragen tätig und nimmt Anteil an der Korrespondenz zwischen Kurfürstin Sophie und ihrer Nichte Elisabeth Charlotte von Orléans.
Als wacher Beobachter der europäischen Politik verfolgt Leibniz den entstehenden Konflikt um die Spanische Erbfolge und die Vorboten des Nordischen Krieges. Weitgespannt ist auch die Korrespondenz, die Leibniz über die Nova literaria im Bereich der Philosophie, Mathematik, Philologie, Sprachwissenschaft und Geschichte auf dem laufenden hält und mit der er gleichermaßen Anregungen und Hilfestellungen für andere Mitglieder der Gelehrtenrepublik gibt.
Die 430 Briefe von und an Leibniz zeigen den Universalgelehrten in einer kritischen Phase seines Lebens. In der république des lettres – deren Innenleben und Funktionieren hier bis in die Details verfolgt werden kann – ist er auf der Höhe seines Ruhmes. Das dokumentiert die weitgespannte Korrespondenz mit den Gelehrten und Gebildeten Europas, in der Nova literaria aus den Wissenschaften (vor allem Philosophie, Theologie, Mathematik, Sprach- und Geschichtswissenschaft) ebenso zur Sprache kommen wie Erfindungen, Naturereignisse und die europäische Politik im Vorfeld von Nordischem Krieg und Spanischem Erbfolgekrieg. Aber mit dem beginnenden Prioritätsstreit sieht Leibniz seine Position bedroht; seine Antwortstrategie auf den Angriff auf seine Infinitesimalmathematik bildet einen Schwerpunkt des Bandes. Einen weiteren stellt die Arbeit für das Welfenhaus, insbesondere an der Hausgeschichte, dar, wobei sich nicht nur Formen der Informationsbeschaffung und -verarbeitung detailliert beobachten lassen, sondern auch erste Anzeichen für die spätere Degradierung in Hannover aufscheinen. Ungetrübt bleibt aber das Verhältnis zu Kurfürstin Sophie; das philosophische Gespräch mit ihr und ihrer Tochter, Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg, nimmt ebenfalls breiten Raum im Band ein. Schließlich ist die Korrespondenz zur Kirchenreunion – sowohl mit Vertretern der katholischen als auch der reformierten Kirche – zu nennen, weiterhin zur Kalenderreform und zur Helmstedter Universität.
In der Themenvielfalt der insgesamt 484 Briefe dieses Bandes von und an Leibniz zeichnen sich zwei Schwerpunkte ab: Im Winter und Frühjahr 1700 überwiegen die politische Diskussion um die spanische Erbfolge und Berichte von den Schauplätzen des im Februar ausgebrochenen Nordischen Krieges. Von Mitte Mai bis Ende August hält Leibniz sich in Berlin und Umgebung auf; jetzt treten sein Leben an den Höfen in Berlin und Lietzenburg und die Bemühungen um die Gründung der späteren Preußischen Akademie der Wissenschaften in den Vordergrund. Die Monate in Berlin sind ungewöhnlich dicht dokumentiert durch Leibniz’ regelmäßigen Briefwechsel mit seinem in Hannover zurückgebliebenen Sekretär J. G. Eckhart und der Kufürstin Sophie. Leibniz’ Berichte von den Festlichkeiten der Hofgesellschaft gehören zu den farbigsten und anschaulichsten Stücken seiner Korrespondenz. Daneben stehen Denkschriften und ausführliche Briefe zu Aufgaben und Finanzierungsmöglichkeiten der künftigen Akademie. Sie greifen weit über den gelehrten Bereich hinaus; so gehört hierher ein Memorandum zur preußischen Justizreform. Während Nova literaria wie die Rolle von Leibniz’ großen historischen Arbeiten in der Korrespondenz zurücktreten, bleibt der Briefwechsel mit Vertretern der Universität Helmstedt intensiv, wobei die Kalenderreform und Prorektoratsangelegenheiten dominieren. In der Korrespondenz zur Kirchenreunion wird der Austausch mit Bossuet immer umfangreicher, ohne daß sich die kontroversen Standpunkte annähern. Im Rahmen der innerprotestantischen Einigungsversuche bietet ein langer Brief des Abtes Molanus eine interessante Retrospektive auf die Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten im 17. Jahrhundert.
Dieser Band mit insgesamt 392 Briefen beginnt und endet jeweils mit Informationen über Reisen, die Leibniz nach Wien führen – beide Reisen geheim angetreten, die zweite darin so erfolgreich, dass sie erst bei der Bearbeitung der Briefe dieser Edition aufgedeckt werden konnte. Damit sind bereits zwei Charakteristika dieses Bandes angesprochen, der Leibniz zum einen häufig fern von Hannover (insgesamt ca. 6 Monate) zeigt und zum anderen in seinem Bestreben, eigene Wege zu gehen und dabei gelegentlich Spuren zu verwischen – dies vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Schwierigkeiten am hannoverschen Hofe und insgeheim, mit großer Intensität betriebener Bemühungen um eine Anstellung im Dienste des Kaisers. Zusammen mit einem zeitweiligen Stocken der Korrespondenz ergeben sich daraus sonst eher ungewöhnliche Lücken und Unklarheiten in der Biographie; als Nebenergebnis der Bearbeitung der Briefe dieses Zeitraums konnten diverse biographische Details festgestellt bzw. korrigiert werden.
Die hier vorgelegte Korrespondenz zeigt hauptsächlich den im politischen Raum agierenden Leibniz, der mit seinen Vorschlägen zur Kirchenreunion bis in die unmittelbare Umgebung des Kaisers vordringt und seine Stimme zu drei politischen Großereignissen dieses Zeitraums erhebt: zur Auseinandersetzung um das spanische Erbe, zu den Verhandlungen um die Regelung der englischen Sukzession und zur preußischen Königskrönung. Zwar gelingt es Leibniz nur auf Umwegen und erst Monate später, seine Huldigung für Friedrich I. in Berlin vorzubringen (wobei die wohl verworfenen Entwürfe auch seine prekäre Position als Untertan eines fremden Hofes spiegeln), aber seine Schrift zur Verteidigung der kaiserlichen Rechte am spanischen Erbe findet sogleich Interesse am Wiener Hof; und in die Sukzessionserörterungen Braunschweig-Lüneburgs ist er einbezogen als „Fachreferent“ der Kurfürstin Sophie wie gelegentlich als Interpret ihrer Position gegenüber der englischen Seite. – Geschieht dies noch unter Einsatz seiner gelehrten Kontakte, so treten diese insgesamt dann etwas zurück. Zu erwähnen sind jedoch die umfangreichen Briefe an die jesuitischen China-Missionare und die Korrespondenz mit dem Präsidenten der Académie des Sciences in Paris (jeweils mit skizzenhafter Darstellung der eigenen Ideen, insbesondere im mathematischen Bereich), der weitere Aufbau der Berliner Sozietät der Wissenschaften im Zusammenwirken mit den Brüdern Jablonski sowie der gemeinsam mit Helmstedter Professoren erarbeitete Plan zur Reorganisation dieser Universität, der den Welfenhöfen vorgelegt, aber wohl erst Jahre später und nur teilweise verwirklicht wurde. Außenwirkung erzielt Leibniz in diesem Zeitraum in der république des lettres durch seine Sozietätspräsidentschaft und vor allem durch die Weiterverwertung seiner gelehrten Kontakte im Monathlichen Auszug, einer Zeitschrift, die, von seinem Mitarbeiter Eckhart herausgegeben, unter Leibniz’ Regie steht und zum Teil direkt aus seinen Korrespondenzen schöpft. Nicht nur damals wurde sie häufig ihm selbst zugeschrieben; durch die Erschließung der Briefwechsel lässt sich jetzt zumindest teilweise die Autorschaft an einigen Texten eindeutig klären. Demgegenüber stehen die Korrespondenzen um die Acta eruditorum, die Leibniz erneut in seiner Tätigkeit als Berater und Rezensent dieses Journals zeigen. Von den Korrespondentenbriefen sind vor allem die umfangreichen Berichte über den englischen Buchmarkt hervorzuheben, die Leibniz aus London erhält.
Die Korrespondenz dieses Zeitraums ist von den großen Themen der europäischen Politik bestimmt. Einer Einladung von Königin Sophie Charlotte nach Berlin kann Leibniz erst folgen, nachdem eine englische Gesandtschaft in Hannover in feierlicher Zeremonie die Sukzessionsurkunde für die Thronfolge in Großbritannien übergeben hat. Leibniz nutzt den Kontakt zum englischen Diplomaten, um seine Vorschläge mit Blick auf den gerade ausgebrochenen Spanischen Erbfolgekrieg zu Gehör zu bringen. In Berlin sucht er dann im Einvernehmen mit der preußischen Königin selbst als Diplomat aktiv zu werden und bemüht sich – ohne Wissen und gegen den Willen des hannoverschen Kurfürsten – um eine preußische Beteiligung bei der militärischen Überwältigung Braunschweig-Wolfenbüttels, das als Verbündeter Frankreichs mit einer Armee von 12.000 Mann zur unmittelbaren Bedrohung für Hannover und darüber hinaus für das Reich und die gesamte antifranzösische Koalition geworden war. In die Zeit von Leibniz’ Berlin-Aufenthalt fällt außerdem eine cause célèbre, die Gesprächsstoff an allen Höfen liefern sollte: die vermeintlich erfolgreichen Goldmacherversuche von J. F. Böttger, der aus Berlin flieht und in Sachsen inhaftiert wird. Bei aller Skepsis hinsichtlich der alchimistischen Erfolge Böttgers, sucht Leibniz der Sache auf den Grund zu gehen.
Die gelehrte Korrespondenz bestimmt u. a. die Auseinandersetzung mit J.-B. Bossuet über die Konfessionen und Leibniz’ Reaktion auf die figuristischen Thesen des Chinamissionars J. Bouvet. Die Quellenforschung zur Welfengeschichte tritt etwas zurück. Nicht selten sind es seine Korrespondenten, die Leibniz zu bedeutsamen Stellungnahmen anregen: In diesem Band steht dafür C. D. Koch mit seinen Proben aus Tasso und besonders Aristoteles’ Metaphysik. Daneben ist die Routine der neu gegründeten Sozietät der Wissenschaften und die Werbung neuer Mitglieder relativ ausführlich dokumentiert. Doch bringt gerade der allgemeine Briefwechsel kulturhistorisch Interessantes, von den Reiseberichten des jungen A. Fontaine über Leibniz’ Schilderung einer Petronius-Inszenierung zum Karneval 1702 bis zu einem der seltenen Berichte über Kontakte der griechisch-orthodoxen mit der anglikanischen Kirche.
Mitte Januar 1702 aus Berlin nach Hannover zurückgekehrt, erhält Leibniz bereits Anfang April eine erneute Einladung der preußischen Königin in die Sommerresidenz Lietzenburg. Leibniz kann jedoch erst Anfang Juni dorthin aufbrechen und besucht auf dem Wege Herzog Anton Ulrich, der während der Besetzung seines Landes am 19./20. März geflohen war und nunmehr nach Wolfenbüttel zurückgekehrt ist. Die lange, sich ein Jahr hinziehende Abwesenheit von Hannover hat eine dichte Korrespondenz – insbesondere mit Kurfürstin Sophie und dem hannoverschen „Journalisten“ G. Guidi – zur Folge, in der neben häuslichen und lokalen Angelegenheiten in Hannover aktuelle Ereignisse des Spanischen Erbfolgekrieges und des Nordischen Krieges die beherrschenden Themen sind. Durch M. J. von der Schulenburg, der als Generalleutnant in der Armee Augusts des Starken die Niederlage gegen Karl XII. von Schweden bei Kliszów (19. Juli) hautnah erlebt, wird Leibniz aus erster Hand über die militärische Lage in Polen informiert.
In Berlin sucht Leibniz mit neuen Finanzierungsprojekten (Seidenziehung und „Feuerspritzen“) die nur schleppend in Gang kommenden Aktivitäten der Sozietät der Wissenschaften voranzubringen; außerdem widmet er sich weiterhin der innerprotestantischen Kirchenunion, verfasst ein wohlwollend aufgenommenes Gutachten für Friedrich I. in dessen Streit mit dem Haus Nassau-Diez um die Oranische Erbschaft und sucht nochmals Licht in die undurchsichtige Affäre um den Goldmacher J. F. Böttger zu bringen. Mit der „Lettre touchant ce qui est independant des Sens et de la Matiere“, welche die Kernaussagen der „Nouveaux essais sur l’entendement humain“ vorwegnimmt, erläutert Leibniz Königin Sophie Charlotte die Grundpositionen seiner eigenen Philosophie und verteidigt diese im Disput mit dem in Lietzenburg weilenden John Toland gegen dessen sensualistische Einwände.
Mit der Wiederaufnahme der Arbeit am Philosophischen Briefwechsel, der Zweiten Reihe der Akademie-Ausgabe, erscheint der 1926 gedruckte Erste Band nunmehr in einer zweiten, vollständig neubearbeiteten, ergänzten und erweiterten Ausgabe. Wegen des großen Umfangs der Neubearbeitung war es angemessener, eine Neuausgabe zu erstellen, als die vorgenommenen Berichtigungen, Ergänzungen und Erweiterungen im Folgeband der Reihe nachzutragen. Gegenüber der Erstausgabe von 1926 wurden den Brieftexten ein vollständiger wissenschaftlicher Apparat (der die Überlieferungen, Textvarianten, Erläuterungen und die Vorbemerkungen zur Veranlassung und biographisch-genetischen Einordnung der Briefe enthält) sowie alle Register und Verzeichnisse (Personen, Schriften, Sachen, Korrespondenten, Fundorte, Absendeorte, Siglen und Abkürzungen) beigefügt. Außerdem konnte die Zahl der Korrespondenten um 9 (Clüver, Elsholz, Herzog Ernst August, Hooke, Horb, Portner, Ph. J. Spener, Stensen, Spitzel), die der Briefe um 26 vermehrt werden, so daß der Band nun 284 Briefe von 70 Korrespondenten enthält. Schließlich ist der Band mit einem Vorwort und einer neuen Einleitung versehen worden. Insgesamt hat sich damit der Umfang des Bandes auf fast das Doppelte erweitert.
Die sich nun – aufgrund der dem Band hinzugefügten Untersuchungen und Erläuterungen – stärker in ihrer gegenseitigen Verflechtung darbietende Korrespondenz läßt Leibniz’ philosophische Entwicklung von seiner Studienzeit in Leipzig, Jena und Altdorf und der ersten beruflichen Tätigkeit in Mainz über seinen vierjährigen Paris-Aufenthalt und die Anstellung am Hof von Hannover bis zum Winter des Jahres 1685/86 verfolgen, in dem er mit dem Discours de métaphysique eine erste systematischen Zusammenfassung seiner philosophischen Grundgedanken entwarf. Von der großen Spannbreite des Leibnizschen Denkens zeugen u. a. die großen Briefwechsel mit seinem Lehrer Jakob Thomasius über Aristotelische und moderne Philosophie, mit Conring über juristische, naturrechtliche und erkenntnistheoretische Fragen, mit dem Cartesianer Eckhard über den Cartesischen Gottesbeweis, mit Foucher über metaphysische Probleme, mit dem Sekretär der Royal Society über die Grundlagen der Physik und neue naturwissenschaftliche Entdeckungen, mit den Jungius-Schülern Placcius und Vagetius über Jungiana sowie wissenschaftstheoretische und juristische Fragen, mit dem Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels über theologisch-philosophische Themen und die Frage seiner eigenen Konversion zum Katholizismus; aber auch einzelne gewichtige Briefe wie die an Hobbes, Velthuysen, Fabri sind zu nennen oder der erste Brief an Arnauld, der ausführlich und umfassend seine philosophisch-theologische Einstellung dokumentiert. Hierbei klingen alle großen Themen seiner späteren Philosophie an wie die naturphilosophische Grundlegung der Physik, die Entwicklung eines anticartesischen Körperbegriffs und eines neuen Substanzbegriffs, das Projekt einer Scientia generalis und dazugehörigen Charakteristik, die wissenschaftstheoretische Grundlegung der Philosophie durch eine formale Logik und ein formales Wahrheitskriterium, schließlich auch Fragen zur natürlichen Theologie und zu einer Rechtsreform und naturrechtlichen Begründung des Rechts.
Der zweite Band der philosophischen Korrespondenz zeigt Leibniz während seiner Tätigkeit in Hannover und Wolfenbüttel, unterbrochen durch die mehrjährige Reise nach Süddeutschland und Italien (1687–1690). Eine besondere Stellung nimmt der gewichtige Briefwechsel mit Antoine Arnauld ein, in dem es nach dem Anfang 1686 verfassten ersten metaphysischen Systementwurf, dem sogenannten Discours de métaphysique, vor allem um Fragen des Substanzbegriffs und eine vertiefte Explikation seiner metaphysischen Grundpositionen geht. Wichtige metaphysische Diskussionen werden ebenfalls im Briefwechsel mit Foucher erörtert, die schon nahe heran an den Entwurf des Système nouveau de la communication des substances von 1695 führen. Nach der Italienreise ist es dann vor allem die ausführliche Korrespondenz mit Fardella, seit 1694 Professor für Mathematik in Padua, in der es Leibniz um die Erörterung metaphysischer Grundgedanken geht. Leibniz ist bereits auf dem Weg zu seinem Specimen dynamicum von 1695. Infolgedessen spielt in dieser Zeit auch seine erneute (erstmals 1684 öffentlich gemachte) und vertiefte Auseinandersetzung mit Descartes und dessen Materiebegriff und die Entwicklung eines eigenen Kraftbegriffs eine große Rolle, so z. B. in den Korrespondenzen mit Bossuet, Pellisson-Fontanier, Huygens und Bayle. Leibniz beginnt einen Briefwechsel mit Basnage de Bauval in Den Haag, dem Herausgeber der Histoire des ouvrages des savants, in dem es um allgemeine Neuigkeiten aus der respublica literaria, aber auch um die Kritik an Descartes geht. In den mit Bossuet, Pellisson-Fontanier und von Seckendorff gewechselten Briefen geht es darüber hinaus auch um theologische Probleme und Fragen der Reunion.
Hauptthemen dieser Jahre sind demnach vor allem die Fundamentierung seines metaphysischen Systems und die damit verbundene Descartes-Kritik, wobei die Begriffe der Kraft und der Substanz im Zentrum stehen, insbesondere auch die logische Begründung des vollständigen Begriffs der singulären Substanz.
Der erste Band der philosophischen Korrespondenz, der bereits 1926 – allerdings ohne wissenschaftlichen Apparat – erschienen war, ist im März 2006 in einer zweiten, vollständig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage mit Überlieferungen, Varianten, Kommentaren, Register und Konkordanzen vorgelegt worden.
Dieser Band umfaßt den mathematischen und naturwissenschaftlichen Briefwechsel Leibnizens während der Zeit seines Parisaufenthaltes. Im Mittelpunkt steht der Gedankenaustausch mit den englischen Mathematikern, der im Rahmen eines Briefwechsels mit dem Sekretär der Royal Society, Heinrich Oldenburg, erfolgte. Hier werden die entscheidenden Mitteilungen über Leibniz’ Infinitesimalrechnung und Newtons Fluxionsrechnung ausgetauscht, auf denen der spätere Prioritätsstreit beruht.
In Paris führt Leibniz zur gleichen Zeit einen äußerst fruchtbaren mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch mit Christiaan Huygens, der Leibniz bei seinem vorwiegend autodidaktischen Eindringen in die höhere Mathematik hilfreich betreute und der Leibniz’ neueste Entdeckungen kritisch prüfend begleitete. Darüber hinaus enthält der Band etwa ein Dutzend weiterer Briefwechsel, insbesondere alle mathematisch-naturwissenschaftlichen Arbeiten von Leibniz, die – in die Form von Briefen gekleidet – zur Publikation als Zeitschriftenartikel vorgesehen waren.
Neben einigen Nachträgen zum Band 1 dieser Reihe enthält dieser Band die mathematischen und naturwissenschaftlichen Briefe der ersten drei hannoverschen Jahre. Zu den bedeutungsvollsten Korrespondenzen gehören die Briefwechsel mit Christiaan Huygens, Jean Paul de la Roque (Herausgeber des Journal des Sçavans), Edme Mariotte, Heinrich Oldenburg und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus. In ihnen spiegeln sich wichtige Themen des Leibnizschen Schaffens dieser Jahre wider: der Ausbau seiner Infinitesimalrechnung, das Projekt einer allgemeinen Charakteristik (speziell einer Analysis situs) und der Einsatz von verbesserten Meßgeräten (Mikroskop, Barometer) in den angewandten Naturwissenschaften. Daneben dokumentiert eine Vielzahl weiterer Korrespondenzen die Vielseitigkeit der Leibnizschen Interessengebiete, z. B. die ökonomische Auswertung von Erfindungen, die Heilkraft verschiedener Medikamente (aqua Rabelii), die Erhöhung der Elastizität des Eisens (Douceur) und die Möglichkeit der Metallveredelung (Goldgewinnung).
Gegenüber den beiden vorigen Bänden verlagert sich in diesem Band der Schwerpunkt des Leibnizschen Briefwechsels von mathematischen zu physikalischen Erörterungen. die (mathematische) Korrespondenz mit Huygens und Tschirnhaus tritt in ihrem Umfang zurück. Die bedeutendsten Teile des Bandes sind Leibniz’ Ausführungen zur Akustik und zur magnetischen Deklination sowie die Debatte mit Mariotte über die richtige Theorie der Bruchfestigkeit, in deren Verlauf schließlich eine gemeinsame Theorie entwickelt wird. Leibniz intensiviert seinen Kontakt mit deutschen Gelehrten; die Gründung der Acta Eruditorum und Leibniz’ dortige Veröffentlichungen (Leibniz-Reihe, Minimalprinzip der Optik) finden ihren Widerhall in der Korrespondenz. In den angewandten Wissenschaften ist Leibniz’ Interesse für den Papinschen Topf, besonders aber der von ihm in Angriff genommene Bau von Windmühlen für den Harzer Bergbau zu erwähnen. Außerdem werden zahlreiche einzelne astronomische, meteorologische, chemische und technisch-ökonomische Fragen angeschnitten.
Der Berichtszeitraum dieses Bandes umfaßt zwei unterschiedliche Abschnitte des Leibnizschen Wirkens: die Endphase seiner Versuche mit der Horizontalwindkunst im Harz und die Anfangsphase seiner Arbeiten zur großen Welfengeschichte. Letztere sind gekennzeichnet durch seine erdgeschichtlichen Erkundungen im Harz (Materialien zur Protogaea) und durch die Reise nach Süddeutschland und Italien. Leibniz’ Bemühungen um Verbesserungen im Harzer Erzbergbau finden ihren Niederschlag in den Briefwechseln mit dem Mühlenbaumeister H. Linsen und mit Leibniz’ Diener J. D. Brandshagen. Die Italienreise brachte Leibniz neben einer Mitgliedschaft in der Accademia fisico-matematica den Dialog und die Korrespondenz mit italienischen Mathematikern und Naturwissenschaftlern (Bianchini, Giordano, Grandi, Guglielmi, Quarteroni, Ramazzini und Viviani). Der in Rom entstandene Plan einer Leibnizschen Dynamica, die als Gegenstück zu Newtons Principia gedacht war, wurde unter Mitwirkung des Freiherrn von Bodenhausen zu Papier gebracht, worüber der sehr dichte Briefwechsel detailliert berichtet. Neben den großen Leibnizschen Projekten nehmen sich die ersten Veröffentlichungen zur Infinitesimalrechnung und Diskussionen über die Descartessche Bewegungslehre (Briefwechsel mit Tschirnhaus, Jakob Bernoulli, Huygens, Pfautz u. a.) eher bescheiden aus.
Der einen Berichtszeitraum von drei Jahren umfassende Band enthält 203 Briefe und Beilagen von und an Leibniz. Sie stammen aus gut zwei Dutzend Korrespondenzen mit so wichtigen Briefpartnern wie Joh. Bernoulli, D. Guglielmini, G. F. A. de L’Hospital, Chr. Huygens, I. Newton, D. Papin, B. Ramazzini und Joh. G. Volckamer. Die Zeitspanne 1691–1693 ist eine der produktivsten Phasen in Leibniz' mathematischem Wirken. Sie ist gekennzeichnet durch öffentlich ausgetragene mathematische Wettstreite, die Leibniz geschickt zum Nachweis der Überlegenheit der Infinitesimalrechnung zu nutzen weiß.
Berühmtestes und von Leibniz publizistisch optimal verwertetes Problem ist die Bestimmung der Kurve einer frei hängenden Kette (Kettenlinie). Zentrale mathematische Herausforderungen dieser Epoche sind für Leibniz die Theorie der Differentialgleichungen, die formale Potenzreihenmethode und die Exponentialgleichungen. Auch die Weiterentwicklung der Leibnizschen Naturphilosophie und insbesondere die seiner Dynamik findet ihren Niederschlag im vorliegenden Band. So gewährt der antagonistische Briefwechsel mit dem Physiker Papin Einblick in aufschlußreiche Details der Leibnizschen Auffassungen über die Erhaltung der vis viva, während Leibniz sich im Briefwechsel mit Huygens zur hartnäckigen Verteidigung seiner Theorie der Planetenbewegung genötigt sieht. Für die Technikgeschichte höchst interessante Einzelheiten von Papins Versuchen mit seinen ersten beiden Unterwasserfahrzeugen werden in der Korrespondenz mit dem Kasseler Bibliothekar Joh. S. Haes mitgeteilt.
Der einen Berichtszeitraum von zweieinhalb Jahren umfassende Band enthält 247 Briefe von und an Leibniz. Mit der Publikation des sechsten Bandes liegt jetzt wohl mehr als die Hälfte dieser Korrespondenz in der Akademie-Ausgabe vor.
Die Korrespondenten Jac. und Joh. Bernoulli, R. Ch. v. Bodenhausen, J. Bouquet, D. Clüver, J. D. Crafft, D. Guglielmini, J. S. Haes, Ch. Huygens, G. F. de L’Hospital, H. Meißner, H. E. v. Melling, I. Newton, D. Papin, B. Ramazzini, M. Stark, E. W. v. Tschirnhaus und E. Weigel sind bereits aus den vorangegangenen Bänden dieses Briefwechsels bekannt. Dem steht ein Dutzend neu hinzugekommener Korrespondenten gegenüber.
Von den rund 30 Korrespondenzen dieses Bandes sind die mit Joh. Bernoulli, Bodenhausen, Huygens, de L’Hospital, Papin und Vagetius die umfangreichsten, sie nehmen mehr als die Hälfte des Bandes ein.
Von den in den Briefwechseln diskutierten mathematischen Problemen war 1694 noch eines offen: das der Isochrona paracentrica, eine Erweiterung der von Leibniz gestellten Aufgabe, diejenige Kurve zu bestimmen, auf der sich ein Körper im Erdschwerefeld der Erdoberfläche mit konstanter Geschwindigkeit nähert. Andere mathematische Themen sind die Theorie der Differentialgleichungen, die Integrationstheorie, die Differentialgeometrie, die Reihenlehre und die Grundlegungsfragen der „scientia infiniti“. Da in den Berichtszeitraum die Veröffentlichungen von Leibnizschen Schriften über das Wesen von Substanzen im Sinne von unteilbaren, letzten Einheiten (ab Mitte 1695 auch als „Monaden“ bezeichnet) fallen, die für Leibniz als metaphysische Gegenstücke zu physikalischen Objekten von fundamentaler Bedeutung sind, ist der Gedankenaustausch hierüber ebenfalls Gegenstand der Korrespondenzen in dieser Reihe der Edition. In mehreren Briefwechseln äußert sich Leibniz zur von ihm angenommenen Ursache der Gravitation und zu Planetenbewegungen, zur Wellentheorie des Lichts und zu technischen Problemen des Bergbaus (in den Zeitraum des Bandes fällt die zweite Periode seiner Tätigkeit im Harzbergbau).
Die Reihe IV enthält alle Werke, Abhandlungen und Aufzeichnungen, mit denen sich Leibniz zu den Fragen und Ereignissen des Staatslebens seiner Zeit geäußert hat, wobei auch die Arbeiten zur Förderung der wirtschaftlichen und geistigen Kultur miteinbezogen sind, soweit damit ein praktischer Zweck verfolgt wurde.
Dieser Band umfaßt die Mainzer und die Pariser Jahre. In chronologischer Reihenfolge bietet er in sieben Gruppen die großen, abgeschlossenen Flug- und Denkschriften dar, unter denen Georgius Ulicovius Lithuanus (1669), das Bedenken über die Securitas Publica (1670) und das Consilium Aegyptiacum (1671 bis 1672) hervorragen. Es folgen die „Politischen Gedichte“ (1670 bis 1672), „Politische Entwürfe und Aufzeichnungen“ (1668 bis 1678) sowie die Arbeiten über „Künste und Wissenschaften“ (1667 bis 1676) – vor allem zu Themen der Wissenschaftsorganisation –, die im jetzt vorliegenden Nachdruck um ein Stück (N. 52) vermehrt worden sind.
Die in der ersten Auflage als Anhang zu Band 2 erschienenen Überlieferungen, Lesarten und Erläuterungen, Register und Verzeichnisse sowie weitere Auszüge und Untersuchungen über unechte und zweifelhafte Stücke wurden in der Nachauflage von 1983 mit den Texten vereinigt.
Während des ersten Jahrzehnts seiner Tätigkeit in Hannover beschäftigte sich Leibniz vor allem mit der Frage des Gesandtschaftsrechts der fürstlichen Häuser, das auf dem Nimweger Friedenskongreß umstritten war, sowie mit der doppelten Bedrohtheit des deutschen Reiches: im Westen durch die offensive Politik Frankreichs und im Süden durch den Ansturm der Türken. In diesem Zusammenhang entstanden unter anderem die umfangreiche Schrift Caesarini Fürstenerii de Jure Suprematus ac Legationis Principum Germaniae (1677) mit der Kurzfassung Entretion de Philarete et d’Eugene (1677) und begleitende Schriften, die die Interessen des Hauses Braunschweig-Lüneburg vertraten: die sarkastische Flugschrift gegen König Ludwig XIV., Mars Christianissimus (1683), und die unveröffentlicht gebliebenen, vorsichtig abwägenden Raisons touchant la guèrre ou l’accommodement avec la France (1684). Ebenfalls unveröffentlicht gebliebene Studien über das Kriegswesen (1681) und Aufsätze über den Türkenkrieg aus den Jahren 1683 bis 1684 schließen diesen Band ab.
Ergänzend zu den in Band 2 vereinigten Hauptschriften dieses Zeitraums werden hier weitere 143 Stücke vorgelegt, die bis auf den Nachruf für Herzog Johann Friedrich (1680) durchweg zu Leibniz’ Lebzeiten unveröffentlicht geblieben sind. Die sieben Themenkreise umfassen Schriften zur Bedrohung des Reiches durch Frankreich und die Türken, zur Reunion der christlichen Konfessionen, zur Staatsverwaltung (insbesondere zur Wirtschafts- und Sozialpolitik), zu Vorgängen im Hause Braunschweig-Lüneburg, zum Komplex Sprache und Literatur, zu Sozietäten und Lebensregeln sowie Bemerkungen zu fremden Publikationen. Hervorzuheben sind ferner die von Leibniz hinterlassenen Aufzeichnungen über seine Tätigkeit bei der Rechtsprechung in der Justizkanzlei (fast ausschließlich in den Jahren 1677 bis 1679) und seine Vorschläge zur Verbesserung des Justizwesens. Fragliche Stücke werden in der Einleitung bewertet und die Eliminierung einiger Schriften begründet, die bisher Leibniz zugesprochen wurden. Der Band enthält u. a. die bedeutsamen Reflexions sur la Déclaration de la guerre (Herbst 1688), die als Flugschrift über das gewaltsame Vorgehen des Königs Ludwig XIV. gegen die Pfalz konzipiert waren. sowie die berühmte Ermahnung an die Teutsche, ihren verstand und sprache beßer zu üben (1679).
Die etwa 150 Schriften dieses Bandes werden zum weitaus größten Teil hier erstmals veröffentlicht. Das thematische Spektrum reicht von der Reichspolitik über Fragen des Welfenhauses, das öffentliche Finanz- und Wirtschaftswesen, die Aussöhnung der Konfessionen und die Militärpolitik bis zu Literatur und Wissenschaft. Einen ersten Schwerpunkt bildet die Audienz bei Kaiser Leopold I. (1688). Es werden 18 von Leibniz mit äußerster Sorgfalt konzipierte Schriften präsentiert, die im Zusammenhang dieses Ereignisses stehen, in das er hohe persönliche Erwartungen setzte. Einige dieser Aufzeichnungen enthalten eine ausführliche Darstellung seines wissenschaftlichen und beruflichen Werdeganges und bieten einen faszinierenden Einblick in sein Selbstverständnis und die Einschätzung seiner Persönlichkeit. Zudem entwirft er eine Reihe von finanziellen, wirtschaftlichen und militärischen Projekten für die Habsburgischen Erblande und das Reich insgesamt. Dem Bild des in europäischen Zusammenhängen planenden politischen Denkers, des wirtschaftlich und technisch versierten, eine Fülle von Ideen entwickelnden Geistes fügen diese Dokumente neue, bisher nicht beachtete Facetten hinzu. Im Mittelpunkt der politischen Tätigkeit von Leibniz für die Welfen stehen Anfang der 1690er Jahre der Konflikt um die sachsen-lauenburgische Erbfolge und die Erlangung der Kurwürde. Die hierzu angefertigten Aufzeichnungen, Schriften und Gutachten legen eine wesentlich stärkere Bedeutung der Leibnizschen Bemühungen für die Lösung dieser Fragen offen, als dies bisher angenommen wurde. Der Umgang mit den Argumenten lädt zur Prüfung des ethischen Anspruchs ein, unter den Leibniz politisches Handeln stellt, das er zugleich unlöslich mit dem Erfordernis der (historischen) Wahrheit und der Vernünftigkeit verknüpft sieht. Zugleich werden diese Schriften zu Quellen für die Geschichte der Historiographie und historischen Methode. In seinen kirchlichen Reunionsbemühungen hat sich Leibniz in jenen Jahren vornehmlich dem französischen Katholizismus zugewandt, mit dessen Vertretern, vor allem dem Sekretär und Historiographen Ludwigs XIV., Pellisson-Fontanier, er kontroverse theologische Fragen erörtert und dabei eine in der protestantischen Irenik eigenständige, markante Position und Methodik erkennen läßt. Der Band dokumentiert Leibniz als den auch im Raum des Politischen genial wirkenden Universalgeist.
1693 erschien Leibniz’ Codex juris gentium diplomaticus. Die hier erstmals kritisch edierte Praefatio zu diesem Werk kann mit ihren grundlegenden rechtsphilosophischen und rechtspolitischen Erwägungen, vor allem mit der Definition der Gerechtigkeit als Liebe des Wissenden (caritas sapientis), als ein Schlüsseltext der politischen Philosophie und Ethik gelten, auf den sich Leibniz danach mehrmals berufen wird. Die im Umkreis jener umfangreichen Sammlung völkerrechtlicher Urkunden entstandenen Schriften vermitteln zudem einen Einblick in Arbeitsweise und Methodik der Auswahl und Interpretation der völkerrechtlichen Urkunden.
Nach langem Ringen um die Neunte Kur (vgl. dazu Band 4 der Reihe) hatte Hannover Ende 1692 die kaiserliche Investitur erhalten. Nun verteidigt Leibniz die Verleihung der Kurwürde vor allem gegen die heftige Kritik der Fürstenopposition. Im Streit um ein passendes Erzamt als repräsentativ-symbolisches Attribut dieser neuen Kurwürde vertrat Leibniz publizistisch die Wahl des Kurfürsten für das Erzbanneramt gegen den Widerstand Württembergs, indem er die verschiedenartige Herkunft und Funktion des württembergischen Sturmfahnenlehens und des Erzbanneramtes historisch belegte.
Den Initiativen zur Beendigung des Pfälzischen Krieges begegnet Leibniz mit Zurückhaltung: Der Rhein und die spanischen Niederlande sollten nicht in der Hand Ludwigs XIV. verbleiben – Straßburg, Namur und auch Casale müßten den Franzosen wieder abgenommen werden. Auch wirtschaftspolitische Mittel sollen nach Leibniz’ Vorstellungen der Kriegführung gegen Frankreich und dem Zusammenhalt der Alliierten dienen. So schlägt er die Eröffnung eines gegen das französische Branntweinmonopol gerichteten groß angelegten englisch-niederländischen Konkurrenzunternehmens vor. Schließlich vertritt er die Überzeugung, daß ein vernünftiger und dauerhafter Ausgleich zwischen den Kriegsparteien gut vorbereitet werden und der hannoversche Landesfürst dabei als herausragender Vermittler zwischen Wien und Versailles tätig werden sollte.
Die Schriften zur Kirchenpolitik belegen Leibniz’ Beschäftigung mit dem Antitrinitarismus seiner Zeit und enthalten Zeugnisse seiner fortgesetzten Bemühung um einen Ausgleich mit der römisch-katholischen Kirche.
Im Mittelpunkt der militärischen Schriften steht Leibniz’ 1694 anonym in Französisch und Deutsch veröffentlichtes und bisher zumeist Richelieu zugeschriebenes Buch Fas est et ab hoste doceri.
Erstmals enthalten die Politischen Schriften eine Reihe von Entwürfen und systematischen Erwägungen zur Ordnung wissenschaftlicher Bibliotheken zur Sicherung des gesamten Wissens der Menschheit. Diese Dokumente reflektieren und ergänzen Leibniz’ Vorstellungen einer scientia generalis oder universalis. Die Bibliotheken sollten als eine unverzichtbare Grundlage vernünftiger Politik zum allgemeinen Besten aller Menschen dienen.
Der Band umfasst 133 größtenteils bisher unbekannte Schriften von Leibniz aus den Jahren von 1695 bis 1697, unter anderem zum Rechts- und Staatswesen, zur dynastischen Politik des Hauses Braunschweig-Lüneburg, zum Bibliotheks- und Bildungswesen sowie zur Kirchen- und Gesundheitspolitik, darüber hinaus auch zur Pflege und Verbesserung des Deutschen als National- und Wissenschaftssprache.
Erstmals erscheinen Leibniz' Schriften über die Förderung der Wissenschaften und Künste in Russland in der Abteilung »Reich und Europa«; der mit dem vorliegenden Band neu in unsere Reihe aufgenommene Bereich »Europa und China« enthält die berühmten Novissima Sinica und weitere China betreffenden Schriften. Abgerundet wird der Band durch einige Gedichte des politischen Autors Leibniz.
Wie in den beiden vorhergehenden Bänden werden auch in diesem Band in der Abteilung »Nachträge« eine Reihe von Schriften ediert, die in den Jahren vor dem Berichtszeitraum des Bandes entstanden sind. Es handelt sich dabei um Stücke, die, bisher noch nicht (zureichend) katalogisiert, uns während der Editionsarbeit am vorliegenden Band entweder zur Kenntnis gelangten oder deren sachliche Erschließung eine Umdatierung erforderte. Dies sind unvermeidbare Folgen historisch-kritischer Arbeit an den Texten des Leibniz-Nachlasses, dessen Stücke (gerade im Bereich der »Politischen Schriften«) zu einem Großteil bisher noch nicht zeitlich und sachlich eingeordnet wurden. Die Abteilung »Nachträge« ermöglicht es, jene Schriften der Forschung ohne größeren Verzug mitzuteilen.
Gottfried Wilhelm
Leibniz: Sämtliche Schriften und
Briefe
Sechste Reihe: Philosophische Schriften
Bd. 1: 1663-1672
1. Auflage 1930. XXIV, 581 S.
Bearbeiter: Willy Kabitz
ISBN 978-3-05-004271-8
Gottfried Wilhelm Leibniz:
Sämtliche Schriften und
Briefe
Sechste Reihe: Philosophische Schriften
Bd. 2: 1663-1672
1. Auflage 1966. XXXVIII, 759 S.
Bearbeiter: Willy Kabitz, Heinrich Schepers
ISBN 978-3-05-004272-5
A. Jurisprudentia rationalis
B. Demonstrationes catholicae. Zur Theologie und Ethik
C. Philosophia naturalis
D. Zur Methodologie
Etwa die Hälfte dieser Texte ist aus den Handschriften und in dieser Ausgabe größtenteils zum ersten Mal ediert. Im zweiten Band werden der kritische Apparat mit Varianten und Erläuterungen, die Überlieferungen, die Datierungsbegründungen und Berichtigungen zu den Stücken des ersten Bandes nachgetragen und mit Sach-, Schriften- und Stellenverzeichnissen aus dem Corpus juris civilis und dem Corpus juris canonici für beide Bände ergänzt.
Der dritte Band enthält die philosophischen Schriften von Leibniz aus seiner Pariser Zeit und der anschließenden Reise über London und Holland nach Hannover in acht Abteilungen:
A. Specimina physica
B. De theologia philosophi
C. Excerpta ac edenda
D. Annotata
E. De arte inveniendi
F. De summa rerum
G. Definitionum juris specimen
H. De vita beata
Sämtliche Stücke sind aus den Handschriften bzw. Handexemplaren erarbeitet; keines wurde von Leibniz selbst zum Druck gegeben, wenngleich einige eine weitgehend abgeschlossene Form haben. Breiten Raum nimmt zunächst der Ausbau der neuen physikalischen Hypothese ein, deren Thematik 1676 erstmals aufgenommen wird. Neben Entwürfen zur Methodologie werden unter dem von Leibniz gewählten Titel De summa rerum bemerkenswerte Stücke zur Metaphysik aufgenommen, die eine Art philosophisches Tagebuch bilden.
Diese Ausgabe enthält erstmals sämtliche philosophischen Schriften von Leibniz von Anfang 1677 bis Juni 1690, fast ausschließlich aus hinterlassenen handschriftlichen Zeugnissen. Vier kurze Abhandlungen wurden von Leibniz in Gelehrtenzeitschriften veröffentlicht, die anderen Papiere hielt er verborgen. Das große Projekt einer „Scientia Generalis“, mit dem er, gestützt auf seine „Characteristica“ und den „Calculus universalis“ – durch den er zum Schöpfer einer neuen Logik wurde –, eine „demonstrative Enzyklopädie“ alles Gewußten und die Anlage zur Invention alles noch zu Wissenden entwickeln wollte, hielt er ebenso wie seine unerhört neue Metaphysik mit den Ansätzen zur späteren Monadenlehre und seine Arbeiten zu einer Reform des Rechts zurück, in Erwartung einer günstigen Gelegenheit, sich einem Förderer und von diesem finanzierten Mitarbeitern, auf deren Hilfe er sich angewiesen wußte, zu offenbaren.
Teil A enthält über 200 Primärtexte zur „Scientia Generalis“, zur besseren Einsicht in die Entwicklung nicht unterteilt in Stücke, die der materialen und solche, die der formalen Vorbereitung des Projekts dienen sollten.
Teil B bringt zunächst die Exzerpte und Marginalien zur ersten
Abteilung und im übrigen nur die Schriften zur Metaphysik, die Gott,
das Individuum und die Freiheit in den Mittelpunkt stellen.
Teil C ist geordnet in die Abteilungen „Philosophia naturalis“ mit dem
Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Cartesianern, „Theologia“
mit Schriften, die die kontroverstheologische Diskussion auf eine
festere metaphysische Grundlage stellen sollten, „Moralia“ und
„Scientia juris naturalis“ mit Vorarbeiten zu einem naturrechtlich zu
begründenden „Codex novus legum“. Innerhalb dieser Abteilungen sind die
Schriften nach den Prinzipien der Akademie-Ausgabe chronologisch
geordnet.
Der Registerband enthält außer einem umfangreichen Verzeichnis der Sachen und Begriffe und neben Verzeichnissen der Personen und Schriften Spezialverzeichnisse der Stellen aus der Bibel und dem Corpus Juris Civilis sowie eine Auflistung der Fundorte aller in diesem Band edierten Handschriften nebst Konkordanzen der Stücke zur Vorausedition und zu den Ausgaben von Gerhardt, Couturat und Grua.
Das Kernstück dieses Bandes bildet die 1765 erstmalig veröffentlichte dialogische Auseinandersetzung von Leibniz mit dem Hauptwerk von John Locke An Essay Concerning Human Understanding in der französischen Übersetzung, die Pierre Coste 1700 herausbrachte. Während die bisherigen Ausgaben die unvollständige Reinschrift zugrunde legten, wird in der vorliegenden (ersten kritischen) Edition zusätzlich der vollständig erhaltene erste Entwurf herangezogen. Vorangestellt wurden die Auswertung verschiedener Handexemplare und vorbereitende Schriften, die Leibniz bei der Lektüre der 1690 erschienenen Originalausgabe niederschrieb, sowie seine Stellungnahme zum Streit zwischen Locke und Stillingfleet, dem Bischof von Worcester.
Der abschließende dritte Teil gibt Leibniz’ Bemerkungen zur Kritik Lockes an Malebranche wieder sowie Berichtigungen seines französischen Sprachgebrauchs, die Leibniz nach Fertigstellung der Reinschrift der Nouveaux Essais von Refugiés erbeten hat.
Die Reihe VII beginnt mit der Publikation der Leibnizschen nachgelassenen Schriften zur Mathematik aus der Zeit seines Pariser Aufenthalts (ca. acht bis zehn Bände). Die geometrischen Schriften im Band 1 umfassen unter anderem Arbeiten zu Konstruktionsproblemen, zur Dreieckslehre und zur euklidischen Elementargeometrie. Unter den zahlentheoretischen Schriften sind Arbeiten zur unbestimmten Analytik und zu diophantischen Gleichungen zu nennen, die vor allem von Bachet, Arnauld und Fermat mitangeregt wurden. Aus den umfangreichen algebraischen Schriften werden vorerst nur die mit gewisser Sicherheit auf die Jahre 1672 bis 1674 zu datierenden Studien veröffentlicht, so z. B. die Arbeiten zur Verhältnislehre, die Versuche, Gleichungen zweiten Grades in rationale Zahlen zu lösen, und die frühen Studien zur Gleichungslehre, die in engem Anschluß an die Geometrie von Descartes entstanden.
Der zweite Band der Reihe VII umfaßt die algebraischen Schriften der Jahre 1675 bis 1676. In den weitaus meisten von ihnen beschäftigt sich Leibniz mit der Gleichungslehre, vor allem dem irreduziblen Fall der kubischen Gleichung. Hinzu kommen die Untersuchungen zu Gleichungen vierten, fünften und sechsten Grades. Außerdem werden spezielle Gleichungssysteme behandelt.
Die Aufzeichnungen zeigen, daß sich Leibniz zunächst mit den Lösungsmethoden seiner Vorgänger vertraut gemacht hat, wie oft wiederholte Hinweise auf Bombelli, Brouncker, Cardano, Debeaune, Descartes, dal Ferro, Hudde, Rahn, Schooten, Sluse und Viéte erkennen lassen, und dann diese Ansätze selbständig weiterentwickelte. Dabei ist Leibniz insbesondere zu einem vertieften Verständnis der komplexen Lösungen gelangt.
Von historischem Interesse sind vor allem seine Versuche, Gleichungen mit Hilfe höherer Kurven zu lösen sowie jene Aufzeichnungen vom Dezember 1675 und Frühjahr 1676, in denen er zusammen mit Tschirnhaus Gleichungsfragen erörtert.
Eine kleinere Gruppe von Arbeiten beschäftigt sich mit imaginären Größen, Notationsfragen und allgemeinen Betrachtungen zu algebraischen Problemen.
Der vorliegende Band umfaßt 73 Studien, Entwürfe, Aufzeichnungen des Zeitraums 1672 bis 1676 zu Differenzen, Folgen und Reihen mit Ausnahme der Texte zur Kreisreihe im engeren Sinne. Dazu gehören neben den theoretischen Studien unter anderem Exzerpte und Anmerkungen zu de Saint-Vincent, G. Gosselin, M. Ricci und R. Fr. de Sluse, sowie mit E. W. von Tschirnhaus angefertigte Gesprächsnotizen.
Nach seiner frühen Beschäftigung mit der Kombinatorik sind die unendlichen Reihen das erste Gebiet der Mathematik, in dem Leibniz wissenschaftliche Erfolge erzielt: Im Herbst 1672 gelingt es ihm, die von Chr. Huygens gestellte Aufgabe der Summierung der unendlichen Reihe der reziproken Dreieckszahlen zu lösen. Diese Anwendung seiner Differenzenmethode ermöglicht ihm auch, das Ergebnis auf die weiteren reziproken figurierten Zahlen auszudehnen und später im harmonischen Dreieck suggestiv darzustellen.
In Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und Methoden von Galilei, Gregory, Mengoli, Mercator, Pascal und Wallis versucht er in der Folgezeit, die Tragkraft seines Ansatzes zu erforschen und seine Resultate zu systematisieren. Dabei behält er immer die praktische Nutzanwendung im Blick, seien es Tafelwerke oder Wurzelalgorithmen zur Rechenerleichterung oder die Behandlung empirisch gewonnener Datenreihen wie bei der Messung der magnetischen Deklination. Zu den Hauptthemen gehört die Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Summierung von diskreten und von kontinuierlichen Größen, die mit der Erfindung der Differential- und Integralrechnung ab Herbst 1675 besondere Bedeutung gewinnt. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die damit in Zusammenhang stehenden Überlegungen zum Unendlichen.
Außerhalb der Bandthematik finden sich frühe Belege für die Einführung der Termini „Funktion“ und „transzendent“; in einem längeren Exkurs zu Rollkurven konstruiert Leibniz unbewußt bereits die Kettenlinie und setzt sich kritisch mit den Ansichten von Descartes über die in der Geometrie zulässigen Kurven auseinander.
Der vorliegende Band umfasst die fast ausnahmslos undatierten Studien, Entwürfe, Aufzeichnungen vom März bis Ende 1673 zur Infinitesimalrechnung, also zur unmittelbaren Vorgeschichte der Erfindung des Calculus. Ein großer Teil der von Dietrich Mahnke 1926 genauer studierten Leibnizschen Aufzeichnungen, um die Entdeckungsgeschichte der höheren Analysis aufzuklären, wird hier erstmalig veröffentlicht.
Durch sorgfältiges, schöpferisches Studium von Autoren wie H. Fabri, Chr. Huygens, N. Mercator, R. Fr. de Sluse, J. Gregory, B. Pascal und J. Wallis arbeitet sich Leibniz in die Infinitesimalmathematik ein. Er entwickelt fruchtbare Begriffe wie den der Funktion, des unendlich Kleinen, des charakteristischen Dreiecks. Von entscheidender Bedeutung ist die Ableitung des Transmutationssatzes, Leibniz' erster herausragender Entdeckung auf dem Gebiet der Infinitesimalgeometrie.
Das rechtwinklige Dreieck mit unendlich kleinen Seiten, das er das „charakteristische" nennt, erlaubt ihm die Ableitung von über 150 Sätzen. Er spricht von der „Trigonometrie des nicht Zuordbaren". Ein zweites herausragendes Ergebnis ist die Entdeckung der arithmetischen Kreisquadratur, d. h. einer konvergenten, unendlichen Reihe von rationalen Zahlen, deren Summe die Kreisfläche ergibt. Am Anfang dazu steht seine Einsicht in den Zusammenhang zwischen Kreisquadratur und Pascalschen Sätzen über die Summe der sinus und der Werte für 1– cosinus. Im August 1673 durchschaut er die Erzeugung einer arithmetischen Quadratur und die Wesensgleichheit von Rektifikationen, Quadraturen und umgekehrten Tagentenkonstruktionen.
Von hohem wissenschaftlichen Interesse sind Leibniz' Studien zu bestimmten höheren Kurven: Konchoiden, Zykloiden, Zissoiden, Paraboloiden und Hyperboloiden. Seine programmatischen Untersuchungen zur Arithmetik des Unendlichen und Analysis der Indivisiblen sind wichtige Beiträge zur Grundlagen- und Methodenproblematik der Mathematik.
Der vorliegende Band umfasst etwa 100 Studien, Entwürfe und Aufzeichnungen des Zeitraums 1674 bis 1676 zur Infinitesimalrechnung, die mit wenigen Ausnahmen bisher unveröffentlicht waren. Dazu gehören neben theoretischen Untersuchungen auch Exzerpte und Anmerkungen zu Schriften von I. Barrow, J. Gregory, R. Descartes, G. P. de Roberval u. a., Berichte und Erörterungen von Themen, die in Gesprächen mit C. Huygens, I. Boulliau, J. Bertet, O. Rømer und E. W. v. Tschirnhaus aufgeworfen wurden, außerdem gemeinsam mit Tschirnhaus angefertigte Gesprächsnotizen.
Die Erfindung der später so genannten Differential- und Integralrechnung im Herbst 1675 gilt als der Höhepunkt des mathematischen Schaffens von Leibniz in seinen Pariser Jahren 1672-1676. Bereits 1673 hatte er den Zusammenhang zwischen Quadraturen, Rektifikationen und umgekehrter Tangentenmethode erkannt. Die von Huygens im Gespräch geäußerte Vermutung, Decartes habe eine solche, von ihm geheim gehaltene, Methode besessen, ist wohl der Grund dafür, dass sich Leibniz seit Sommer 1674 wieder verstärkt mit den Tangentenmethoden von Descartes, J. Hudde und R.-F. de Sluse auseinander setzt. Er versucht bis Januar 1675 erfolglos, das Extremwertverfahren mittels Bestimmung von Doppelwurzeln einer Gleichung für das inverse Tangentenproblem fruchtbar zu machen. Der Durchbruch gelingt ihm jedoch im Herbst 1675 mit den schon vorher von ihm praktizierten Differenzen- und Schwerpunktmethoden in einer Reihe von Studien, in denen er bereits die noch heute verwendeten Symbole dx und ∫ entwirft und erste Regeln der Differential- und Integralrechnung aufstellt. In der Folgezeit greift er eigene frühere Methoden (charakteristisches Dreieck, Transmutation des Kurvensegments) wie fremde Resultate (Guldinsche Sätze) auf, um allgemeinere Ergebnisse zu erzielen.
Leibniz' Hauptinteresse gilt neben einer umfassenden Behandlung der Kegelschnitte (hier besonders der Rektifikation von Hyperbel und Ellipse) den höheren Parabeln und Hyperbeln, den Evoluten, Evolventen und Rollkurven, sowie den transzendenten Kurven, mit denen er systematisch den Bereich der exakten Geometrie über die von Descartes vorgegebenen Grenzen hinaus erweitert. Einen wichtigen Beleg für die Leistungsfähigkeit seines neuen Ansatzes sieht er in der Lösung des berühmten sog. 2. Debeauneschen Problems im Juli 1676.
Mit der Veröffentlichung der „Naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Schriften“ als Reihe VIII der Akademie-Ausgabe wird erstmals ein Teil des Leibnizschen Schaffens zugänglich, der bisher nur selten Gegenstand editorischer Bemühungen und systematischer Forschung war. Dessen ungeachtet hat er als Bindeglied zwischen Mathematik und Philosophie herausragende Bedeutung für das Verständnis des Leibnizschen Denkens.
Die neue Reihe wird 9 Bände umfassen und in chronologisch-systematischer Folge Leibniz’ Beiträge u. a. zu Astronomie, Botanik, Zoologie, Alchimie, Mineralogie und Geowissenschaften enthalten. Einen prominenten Platz nehmen die einzelnen physikalischen Disziplinen, insbesondere die Mechanik, ein. Bereits in den ersten Bänden werden Überlegungen präsentiert, die später zur Formulierung des berühmten Satzes über die Erhaltung der lebendigen Kraft führen. Aber auch Nautik, Pneumatik und Hydrodynamik sind bevorzugte Forschungsfelder.
Mit den naturwissenschaftlichen Texten fast umfangsgleich sind die Schriften zur Medizin und Pharmazie. Zum Inhalt der Reihe VIII gehören darüber hinaus Militaria und Technica.
Ein Novum der Reihe besteht darin, dass sämtliche Texte auch in einer Internetpräsentation zur Verfügung gestellt werden, die es u. a. ermöglicht, die zugehörigen Handschriften als digitalisierte Bilder aufzurufen und mit den Transkriptionen zu vergleichen.
Die ersten beiden Bände werden die Schriften aus der Zeit bis zum Ende von Leibniz' Parisaufenthalt 1676 enthalten.